Sie erwarten jetzt wahrscheinlich eine detaillierte Einführung in die vermeintliche „Kampfkunst“ Aikido, sowie eine ausführliche Erklärung des Wortes.
Diese Form von allgemeinen Informationen findet sich im Internet zuhauf und wenn Sie partout Plattitüden lesen möchten, dann finden Sie sie > hier.
Wenn Sie aber mehr erfahren wollen, z.B. wie diese besonders friedliche "Abstraktion einer Kampfkunst" die Menschen unserer Dojo-Gemeinschaft geprägt hat, warum das Studium ihrer Geschichte und Philosophie mehr erfordert, als einen langen Aufenthalt in einer Bibliothek oder stupides Wiederholen körperlicher Übungen, und letztendlich warum eine solch ungewöhnliche Einführung notwendig ist, dann lesen Sie bitte jetzt weiter.
AI – KI – DO, das sind drei japanische Silben, drei Bilder der japanischen Sprache, und diese Tatsache macht Aikido nicht nur schwer erklärbar, sondern sie macht es für den Interessierten auch notwendig, sich wenigstens oberflächlich mit der japanischen Kultur, dem japanischen Denken und auch mit der uns so fremden Sprache auseinanderzusetzen, um Zugang zu einer scheinbar anderen Welt zu erhalten. (An anderer Stelle wollen wir versuchen zu erklären, warum diese Welt eigentlich nicht so viel anders ist, als man glauben möchte, aber bleiben wir bei den Grundlagen.)
“Ai“ spricht sich im Japanischen genauso wie unser Ei, wie in das Frühstücksei also. Und genauso rund und perfekt ist auch seine Bedeutung im Japanischen, es bedeutet schlicht Harmonie. Harmonie und Gleichklang aller Dinge, das heißt, alles ist an seinem Platz: Das Ei ist rund und alles wird gut. Was aber ist alles? Nun, dafür bietet das Aikido uns das „Ki“, jenen Partikel universeller Energie, den Stoff aus dem alle Dinge sind und auch jene, die nicht wirklich sind. Ki, das ist das Universum, alles darin, alles darum und natürlich alles, was wir mit unseren menschlichen Sinnen nicht mehr erahnen.
Wir stehen also beim Aikido vor einer universellen Kraft (Ki) die sich auf eine reizende und mysteriöse Weise in Harmonie (Ai) befindet oder sich befinden sollte. Soweit die Theorie.
Stellt man nun fest, dass alle uns bekannten Wesen, Dinge und Phänomene der gleichen Gewohnheit unterliegen nach Harmonie zu streben, dann kommt man schnell in Versuchung eine allgemeingültige Gesetzmäßigkeit darin entdecken zu wollen. Was liegt dann näher, als von den vielen einzelnen Dingen auf das große Ganze zu schließen? Und genau das hat der Japaner Morihei Ueshiba seinerzeit in den 1930er Jahren des vergangenen Jahrhunderts getan: Er sah sich um und bemerkte, dass sein Volk seit Jahrhunderten durch innere und äußere Kriege heimgesucht wurde, und dass die Menschen bereits seit Generationen vor ihm mit dem Schatten des allgegenwärtigen Todes lebten. Sie hatten sich damit arrangiert und machten aus ihrer Not eine stoische Tugend: Sie sahen ein, dass die Angst vor dem Tod sie lähmte und in der Kriegssituation, die ja allgegenwärtig war, eine effektive Selbstverteidigung verhinderte.
Ueshiba sah also, dass Gewalt und Tod in seiner Welt wichtige Bestandteile des Lebens waren und dass die Menschen es durch ihre religiöse und philosophische Einstellung irgendwie geschafft hatten, damit umzugehen. Er bemerkte auch, dass nach dem Sturm immer die Stille folgt und nach der Supernova, der Explosion eines Sterns, das Universum wieder zur Ruhe tendiert; kurz, er verstand, dass nach dem Krieg die Ruhe zurückkehrt, aber auch, dass nach dem Krieg letztendlich auch vor dem nächsten Krieg bedeutet. Das war natürlich Besorgnis erregend für ihn und in keiner Weise ein gangbarer Weg.
Hatten seine Landsleute bis dahin nicht etliche Kampf- und Kriegssysteme erdacht und perfektioniert, um sich im Konfrontationsfall effektiv schützen zu können? Jeder Klan, jedes Dorf und jede Familie in Japan hatte auf ihre eigene unnachahmliche Weise begonnen Mittel und Wege zu finden, um sich im Kriegsfall verteidigen zu können. So entstanden die unzähligen Schulen des BUDO, die Ryu, die Schulen des Krieges, in denen der Weg des Krieges (BUDO) gelehrt wurde. Und da wären wir auch schon bei der letzten Silbe im Wort Aikido angekommen, bei „Do“, dem Weg. Denn, sah sich ein Japaner mit einer Auseinandersetzung konfrontiert, so wusste er, egal ob Bauer, Krieger oder feudaler Herr, sich mehr oder weniger zu verteidigen, er ging den Weg der Waffen, des Krieges und der gegenseitigen Zerstörung. (Zu den verschiedenen Formen des BUDO, siehe > hier.)
Und das war es, was Ueshiba mit der Zeit verstand: Die Menschen seiner Welt hatten den Tod nicht nur als Teil des Lebens akzeptiert, nein, sie hatten sich geistig mit ihm arrangiert und Methoden entwickelt, um zu versuchen ihm zu entgehen, wenn dies möglich war, nötigen falls mit Gewalt. Denn, den Tod als etwas Natürliches zu akzeptieren war eines, aber weiterleben zu dürfen war immerhin auch erstrebenswert; versuchten nicht alle Wesen zu überleben?
Bis dahin bestanden diese Methoden des Selbstschutzes aus reagierenden, kriegerischen Handlungen zur Verteidigung der eigenen Haut, in denen der Gegner durch Gegengewalt mit einer bestimmten Methode handlungsunfähig gemacht und nötigenfalls getötet wurde. Es waren also Wege der gegenseitigen Zerstörung, welche zu nur noch mehr Gewalt führten. Wie aber konnte ein solch kriegerischer Weg mit den universellen Prinzipien von Harmonie und Frieden übereintimmen? -
Nach so viel Erfahrung mit Leid und Tod empfand Ueshiba diese effektiven aber eher primitiven Formen von Auseinandersetzung als ungenügend und eigentlich auch als einen Anachronismus, angesichts eines religiös und philosophisch gebildeten, japanischen Volkes, welches sich gegenüber anderen Völkern als hochentwickelt und zivilisiert verstand. - Japan hatte einen Weg entwickelt, um mit seinen Konflikten umzugehen, den Weg des Krieges. Aus diesem konfliktreichen Weg aber sollte in der Vision Ueshibas ein Weg des harmonischen Lebens werden.
Ueshibas große Leistung bestand also in der Subsumtion aller genannten Faktoren unter eine Prämisse: alle Dinge hängen miteinander zusammen, alles Dasein strebt nach Harmonie; Leid, Krieg und Tod sind Teile des Lebens, gehören zwangsläufig zum System, stellen aber nur einen Übergangszustand bis zur nächsten harmonischen Phase dar und umgekehrt. Es kann also nicht sein, dass man bei jeder Gewaltsituation mit Gewalt antwortet, sondern es musste doch einen Weg geben, so Ueshiba, der es den Menschen erlauben würde Konflikte zu lösen, ohne das Schwert bemühen, und ohne den Widersacher vernichten zu müssen.
Treibt man diese Utopie Ueshibas auf die Spitze bzw. wird sie in den Handlungen der Menschen real, so fließt die ohne jeden Zweifel existierende, negative oder aggressive Energie der Welt in den natürlichen Strom der Harmonie mit ein. Im Gleichgewicht der Energien wird der Weg des Krieges überflüssig und durch den Weg der harmonisierten Kraft des Friedens ersetzt. Für unsere westliche Denkweise ist wohl der naheliegendste Vergleich der mit einer friedlich-zivilisierten Paradieswelt, in der der Sündenfall der Aggression statt eine Katastrophe für alle späteren Generationen zu sein, zur Normalität, ergo zur Harmonie, dazu gehört. Krieg und Frieden also als untrennbare Elemente eines harmonischen Lebens.
Ueshiba hatte erreicht, was vor ihm noch keinem Begründer einer Kampfkunst gelungen war: Er akzeptierte die Tatsache, dass Aggression und negative Energie zum Leben gehören und das die Kunst darin besteht mit dieser Tatsache und ihren Erscheinungsformen umzugehen, statt sie zu bekämpfen. Das bedeutete ein neues Verständnis althergebrachter Traditionen früherer Kampfkünste: Aus dem Gegner wurde bei Ueshiba ein Partner, aus dem Kampf ein Austausch von Energien zwischen den Partnern; es ging nicht mehr um Sieg oder Niederlage, sondern um aufrichtiges Verständnis für das Gegenüber, aber auch für sich selbst. Das Ziel der Zerstörung wich in Ueshibas neu gewonnenem Verständnis dem Prinzip des harmonischen Flusses aller Dinge und der damit verbundenen Form körperlichen Ausdrucks. Das Verständnis und die Wahrnehmung des eigenen Seins und die Vervollkommnung des eigenen Geistes durch harte körperliche Schulung wurden in Ueshibas System zur Quintessenz dessen, was sich bis dahin "Kampfkunst" genannt hatte.
AI – KI – DO in der Tradition Ueshibas ist der Weg der Harmonisierung der universellen Kraft allen Lebens, und damit Ausdruck des Systems Leben an sich. Dieses System beinhaltet das Verständnis des eigenen und des fremden Selbst und das Geheimnis der Herangehensweise an die Energie des Gegenübers, welche, ob aggressiv oder friedlich, immer ein Teil des Lebens ist, AI - KI - DO ist die Suche nach Wiederherstellung der universellen Harmonie und dem Gleichgewicht aller Dinge. Es birgt in sich die Überwindung eines egoistischen Egos und dadurch die Meisterschaft des eigenen Selbst zum Wohle aller Wesen und allen Seins.
Für uns ist AI - KI - DO mehr als eine Kampfkunst, es ist eine Lebenskunst.